14.04.2014

von B° MS

(Quelle: Museum im Kulturspeicher Würzburg)

Renée Sintenis. Bildhauerin

Sonderausstellung von Werken der bedeutenden Bildhauerin im Museum im Kulturspeicher Würzburg - bis 22. Juni 2014

Renée Sintenis (1888–1965) war eine der bedeutendsten Bildhauerinnen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Ihre berühmteste Skulptur ist der Berlinale-Bär, der seit über 60 Jahren als symbolträchtige Ikone auf den Internationalen Filmfestspielen verliehen wird. Anlässlich ihres 125. Geburtstags widmet das Museum im Kulturspeicher der Berliner Bildhauerin vom 12. April bis zum 22. Juni 2014 eine umfassende Einzelausstellung. Die Retrospektive vereint mehr als 150 Plastiken des vielfältigen Werks, dazu gehören in Bronze und Silber gegossene Tierfiguren, eindrucksvolle Darstellungen von Sportlern sowie expressive Porträts. Eine Auswahl grafischer Blätter gibt aufschlussreiche Einblicke in ihre treffsicheren Studien der tierischen Physiognomie. Darüber hinaus übermittelt eine Vielzahl von historischen Fotografien ein lebendiges Bild der emanzipierten Protagonistin der Berliner Kunstszene der Vorkriegszeit, die zum Inbegriff des viel beschworenen Typus einer ‚Neuen Frau´ wurde. Die Leihgaben der Ausstellung stammen aus der Berliner Sammlung Knauf, ergänzt durch Werke aus dem Bestand der Neuen Nationalgalerie, die den Nachlass der Künstlerin betreut,  sowie aus der Sammlung des Georg Kolbe Museum Berlin und aus Privatbesitz. Die Ausstellung wurde vom Georg Kolbe Museum in Zusammenarbeit mit der Berliner Sammlung Knauf erarbeitet. Im Georg Kolbe Museum war sie bereits von November bis März 2014 zu sehen.

In den Jahren der Weimarer Republik war Renée Sintenis insbesondere für ihre Tierskulpturen berühmt. Ihr Interesse galt den von ihr sehr geliebten Pferden sowie Eseln, Hunden, Ziegenböcken und Rehen. Meist wählte die Bildhauerin Jungtiere als Vorbilder für ihre Kunstwerke, die sie in verspielten und lebensecht bewegten Posen festhielt. Ihre überwiegend kleinformatigen Skulpturen zeigen ein tiefes Interesse an der Ausdrucksstärke des Körpers. Die Tierbildhauerei war zu ihrer Zeit ein wichtiges künstlerisches Genre. Auch Ihre Zeitgenossin, die Würzburger Bildhauerin Emy Roeder setzte sich intensiv mit der Tierplastik auseinander. Ihrem Nachlass ist in der Städtischen Sammlung des Museum im Kulturspeicher ein eigener Raum gewidmet.

Ebenso wie Emy Roeder schuf auch Renée Sintenis neben Tieren eindrucksvolle Porträts. Ihre introvertierten Selbstbildnisse sowie expressive Köpfe der Freunde und Zeitgenossen vermitteln ein lebendiges Bild der Zeit und der Suche nach einem neuen Ich. Renée Sintenis formte überdies einige herausragende Darstellungen von Sportlern, die sie in ihrer absolut konzentrierten Bewegung festhielt. Sintenis‘ Skulpturen waren schon damals in zahlreichen internationalen öffentlichen und privaten Sammlungen vertreten, neben der Berliner Nationalgalerie auch in der Londoner Tate Gallery oder im New Yorker Museum of Modern Art. Zunächst wurde sie von dem Galeristen Wolfgang Gurlitt (Galerie Fritz Gurlitt) vertreten, bereits 1920 stellte sie erstmals bei dem einflussreichen Kunsthändler Alfred Flechtheim in Düsseldorf aus, zu dessen Lieblingskünstlerin sie in den Folgejahren avancierte.

Über ihr bildhauerisches Schaffen hinaus war Renée Sintenis eine aufsehenerregende Persönlichkeit der Berliner Moderne. Bereits mit Mitte 20 erkämpfte sie sich eine eigenständige künstlerische Existenz und zählte damit zu den wenigen Frauen, die sich in der dichten Berliner Kunstszene durchsetzen konnten. Seit 1913 stellte sie regelmäßig aus und wurde von den Kollegen der Freien Secession, der damals einflussreichsten Berliner Künstlervereinigung, sehr geschätzt (u.a. Max Liebermann, Max Beckmann und Karl Schmidt-Rotluff). Mit ihrer hoch aufragenden Körpergröße von 1,80 m, ihrer schlanken Gestalt, ihrem androgynen Äußeren und einem selbstbewussten, modischen Auftreten verkörperte sie in idealer Weise den damals vielfach herbeigesehnten Typus der ‚Neuen Frau‘ – auch wenn sie selbst ein eher scheues Wesen hatte. Vielen Malern, Bildhauern und Fotografen war sie aufgrund ihrer markanten Schönheit ein beliebtes Modell, wie beispielsweise Georg Kolbe (1877–1947), Frieda Riess (1890–1955), Fritz Eschen (1900–1964) und ihrem Mann, dem Grafiker und Maler Emil Rudolf Weiß (1875–1942).

Obwohl Sintenis 1934 wegen der jüdischen Eltern ihrer Mutter aus der Akademie der Künste ausgeschlossen wurde (wo sie 1931 als erste Bildhauerin und nach Käthe Kollwitz als zweite Frau in die Sektion Bildende Kunst aufgenommen worden war), blieb sie in der Folgezeit – offensichtlich eingestuft als "Vierteljüdin" – von rassistischer Verfolgung verschont. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie an die Berliner Hochschule der Künste berufen und 1955 auch wieder in die neu gegründete Akademie der Künste aufgenommen. Sie wurde mit den höchsten Auszeichnungen geehrt, darunter das Große Bundesverdienstkreuz (1953), außerdem wurde sie zum "Ritter der Friedensklasse" des Ordens "Pour le Mérite" (1952) geschlagen.

Zur Ausstellung erscheint ein umfassender wissenschaftlicher Katalog, der das bildhauerische Schaffen von Renée Sintenis vorstellt.

Virtueller Rundgang durch die Sonderausstellung

Zum Museum im Kulturspeicher geht es hier.

Passend zum Thema

Ausstellungen, Führungen und Veranstaltungen im Museum im Alten Hafen Würzburg - das Aprilprogramm

Ausstellungen, Führungen und Veranstaltungen im Museum im Alten Hafen Würzburg - das Märzprogramm

Ausstellungen, Führungen und Veranstaltungen im Museum im Alten Hafen Würzburg - das Februarprogramm

Mehr aus der Rubrik

Eine hübsche junge Dame neu im Museum im Kulturspeicher Würzburg

Verleihung des Preises Peter C. Ruppert für Konkrete Kunst in Europa an Hans Jörg Glattfelder

Teilen: